Was genau macht eigentlich jemand, der sich mit germanistischer Mediävistik beschäftigt?
Wir setzen uns mit der Sprache und vor allem mit der Literatur und Kultur des Mittelalters (und ihrer Rezeption) auseinander. An literarischen Texten ist besonders interessant, dass in ihnen unterschiedliche Diskurse, die die Menschen zu einer bestimmten Zeit beschäftigen, aufeinandertreffen und nicht selten miteinander in Konflikt geraten, hinterfragt, versöhnt oder modifiziert werden. Wir fragen uns in unserem Fachbereich also vor allem, wie ein mittelalterlicher Text bestimmte Bedeutungen erzeugt, indem wir seine literarische ‚Gemachtheit‘ und die kulturellen Voraussetzungen, die ihn geprägt haben, offenlegen. Das ermöglicht uns aufschlussreiche Einblicke in eine Epoche, die bis heute viele Menschen fasziniert, wie man beispielsweise anhand erfolgreicher Fantasy-Bücher, Filme und Serien sehen kann, die immer wieder aufs Neue mittelalterähnliche Welten entwerfen.
Sie sind von Heidelberg aus an die Geisteswissenschaftliche Fakultät der Uni Graz gekommen – wie gefällt es Ihnen hier, was sind die größten Unterschiede?
Es gefällt mir ausgesprochen gut hier und ich fühle mich sehr wohl. Die Stadt Graz ist wunderschön und fühlt sich irgendwie schon mediterran an. Nicht alle haben das Privileg an einem Ort arbeiten und leben zu dürfen, an dem andere ihren Urlaub verbringen! Und auch die Uni und das Institut für Germanistik bieten ein abwechslungsreiches Arbeitsumfeld mit ausgesprochen netten, aufgeschlossenen Kolleginnen und Kollegen, die alle interessante Forschungsgebiete bearbeiten. Der größte Unterschied zu Heidelberg ist vielleicht die Größe des Instituts. Obwohl hier ebenfalls viele junge Leute Germanistik studieren, gibt es sehr wenig Festangestellte. Andererseits hat es auch Vorteile in einer kleinen Gruppe zusammenzuarbeiten, denn dann kennt man sich und die unterschiedlichen Forschungsinteressen schnell gut.
Welche Bedeutung hat die Mediävistik in der heutigen Zeit?
Bei der Auseinandersetzung mit mittelalterlicher Literatur – und die ist beispielsweise auch in der Schule im Deutschunterricht möglich – werden wir mit Erzählwelten konfrontiert, die nicht Teil des Erfahrungshorizontes der heutigen Zeit sind. Diese Fremdheit vormoderner Texte mag vielleicht zunächst als Hürde erscheinen. Doch sind es gerade die eigentümlichen, irritierend anderen Denk- und Erzählweisen der Texte, die uns Selbstverständliches hinterfragen lassen und eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen kulturellen und historischen Prägung auslösen können. Die mittelalterliche Welt ist für uns fremd genug, um unsere Denkgewohnheiten in Frage zu stellen. Zugleich, vor allem aufgrund der Sprache und des Kulturraums, nahe genug, um für unser gesellschaftliches Selbstverständnis relevant zu sein. Das sieht man nicht zuletzt an der bereits oben genannten, populären Faszination für mittelalterliche Welten, Figuren und Fabelwesen wie Ritter, Drachen und Einhörner, die offenbar bis heute Identifikationspotential bieten und nicht nur in Kinderbüchern, sondern auch in Computerspielen und auf Gummibärchen-Packungen – also überall – begegnen.